Archiv für den Monat April 2016

Interviews mit aussergewöhnlichen Menschen

Teil 1: Rosa

Wenn du nur mit dem Finger schnipsen müsstest, um deinen Traum zu leben, wer und wo wärst du jetzt?

Ich würde noch immer hier bei einem Kaffee sitzen, aber ohne Druck. Mein Hintergrund wäre ein anderer. Ich müsste, um meine Existenz zu sichern, keiner Lohnarbeit nachgehen, die mir gar nicht entspricht.

Ich werde dieses Interview auf meinem Twitteraccount verlinken, wodurch es theoretisch ziemlich viele Menschen lesen können. Möchtest du den Lesern etwas Bestimmtes mitteilen?

(lacht) Sie sollen mir ein Café kaufen.

Weshalb ein Café?

Weil ich gerne eines hätte. Ich hatte schon einmal ein kleines Café – eines mit
13 Stühlen.

Warum genau 13 Stühle?

Die Stühle stammten aus einer Erbschaft. Meine Grossmutter war Lettin. Mein Vater stiess in jener Zeit beim Lesen auf eine Stelle, in der es um ein Café mit 13 Stühlen ging. So entstand die Idee. Mein Freund und ich führten dann 13 Veranstaltungen durch, und als wir damit genug Geld verdient hatten, brachten wir die 13 Stühle nach Riga zurück. Mit einem alten Bus wurden sie übers Land kutschiert. Mitten auf dem Domplatz stellten wir sie ab. Die Aktion war ziemlich spektakulär!

Eine schöne Geschichte! Und wie soll das neue Café aussehen?

Es soll wieder 13 Stühle haben, es soll Lesungen geben, guten Wein und Rigabalsam, und zwar kistenweise. Das ist ein Likör aus 24 Zutaten, die angeblich gegen jede Krankheit hilfreich sind.

Du möchtest Lesungen veranstalten. Liest du gerne?

Sehr gerne lese ich die »Zeit«. Ich freue mich jede Woche auf den Donnerstag. Dann setze ich mich aufs Sofa, breite die riesigen Seiten darauf aus und verteile sie auch über den ganzen Teppich. Nur die »Chancen« lege ich immer gleich beiseite. Ich betrachte mich zwar nicht als chancenlos, aber das sind nicht meine Chancen.
Daneben lese ich gerne Bücher.

Was liest du gerade?

Ich lese Houellebecq. Ich halte ihn für einen der gescheitesten Menschen der Welt. Er muss unvorstellbar viel Wissen in seinem Kopf haben. Ich blättere beim Lesen ständig zurück, es tut mir um jeden Satz leid. Wenn ich jemanden unbedingt kennenlernen möchte, dann ihn. 

Schreibst du auch selbst?

Ich würde eigentlich gerne schreiben, ich liebe Geschichten. Schon zweimal ist es mir passiert, dass ich einem Mann eine E-Mail schrieb und er mir daraufhin antwortete, es sei die beste E-Mail gewesen, die ihm je jemand geschrieben habe. Nach dem zweiten Mal schrieb ich nie mehr etwas. Ich weiss nicht, warum.

Bist du auf andere Weise kreativ? Machst du Musik?
Leider spiele ich kein Musikinstrument. Mein Vater war Lehrer für klassische Gitarre. Ich sollte sie als Kind ebenfalls lernen. Noch immer sehe ich die Rillen von den Saiten an meinen kleinen Fingern vor mir. Viel lieber hätte ich Klavier gelernt, aber das durfte ich nicht. Danach habe ich nie mehr ein Instrument gespielt.
Aber ich mag Farben und Pinsel und male ab und zu ein Bild. Meine Vorfahren waren über Generationen Maler, Dekorationsmaler.
Was ist dir besonders wertvoll?

Die Zeit ist für mich sehr kostbar. Schon als Kind hatte ich ein starkes Bewusstsein für die Zeit und eine Art Schlüsselerlebnis: Ich ging mit meiner Schulfreundin durch den Wald und blieb auf einmal stehen. Mir wurde in diesem Augenblick bewusst, dass dieser Schritt, den ich soeben gemacht hatte, sich nie mehr wiederholen würde. »Nie mehr«, rief ich meiner Freundin zu, »verstehst du?«  Sie lachte nur und meinte: »Ach, du spinnst doch wieder rum!«

Vielen Dank, Rosa!

 

 

 

 

 

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