Das erste Kapitel

Ich bewundere Menschen, die Romane schreiben können, und diejenigen, die erst noch gute schreiben können, verdienen meinen grössten Respekt. Es braucht eben viel mehr als nur einen guten Einfall oder ein schönes Bild – es braucht Ausdauer und eine ganze Menge weitere Fähigkeiten, über die ich nicht verfüge. Geduld gehört ebenfalls dazu, und die fehlte mir schon als Kind. Als ich zusammen mit meinen Geschwistern einmal Anfang Dezember ein Weihnachtstheaterstück einstudierte, konnte ich kaum abwarten, bis wir es unseren Eltern vorführen würden. Ich flehte meine Geschwister an, es doch gleich noch am selben Abend zu zeigen, aber sie zeigten sich stur. Warten zu müssen, fand ich etwas Schreckliches. Lieber zeigte ich meinem Grossvater den frisch gelernten Zaubertrick sofort, auch wenn er noch nicht richtig sass. Und den Kuchen, den ich buk, hätte ich am liebsten schon als Teig gegessen.

Doch eigentlich wollte ich ja über das Schreiben schreiben. Anekdoten und kleine Geschichten lassen sich einfach so wiedergeben, aber Romane müssen akribisch geplant werden – so stelle ich mir das jedenfalls vor. Mir gefällt es zwar, wenn eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller sagt, die Figuren hätten sich während des Schreibens schier selbstständig weiterentwickelt, aber gewisse Zweifel daran bleiben bestehen. Und muss man nicht zuerst Botanik studieren, um die Landschaft authentisch beschreiben zu können? Was ist mit der Psychologie? Ganz zu schweigen von all den logischen Fehlern, die einem unterlaufen können: Stimmen Sonnenstand und Uhrzeit? Ist die Figur der Jahreszeit entsprechend gekleidet? Lässt man sie als Veganer auch nichts Falsches essen? Stand sie nicht bereits, wenn ich sie aufstehen lasse? Ist das Bad nicht plötzlich auf der linken Seite des Schlafzimmers? Mein Gott, wie viele Fallen auf einen warten. Ich weiss schon, weshalb ich mich auf das Schreiben von Tweets verlegt habe. Wobei – wenn ich jetzt statt des letzten Satzes schreiben würde »Voller Zweifel klappte Lara ihr MacBook zu«, hätte ich schon das erste Kapitel fertig.

 

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2 Gedanken zu „Das erste Kapitel

  1. traumspruch

    …wenn sich Ideen verselbstständigen, die Protagonisten sich weigern mitzuspielen…oh, wie gut ich diese Kreativkakophonienn kenne… diese Sache mit der Geduld… dann, wenn sich die Muse in ein übereifriges kleines füßetrampelndes Kind verwandelt… wenn sich die Geschichten seifenblasengleich verselbstständigen, die Protagonisten sich weigern das zu tun, was ich ihnen vor-schreibe und wie selbstverständlich aus dem Nirgendwo irgendwelche Figuren gedankenreitend auftauchen, die unbedingt mitspielen wollen und sich ganz unverblümt in Szene setzen
    … dann hangel ich mich tintenklecksend an meinen Konstruktionsplänen entlang baumele am roten Faden Suche nach Grund unter meinen Füßen… Und entdecke plötzlich dass ich ja Flügel habe…
    fllatterpoetische Grüßles

    Antwort
  2. ©lz

    …genauso muss denke ich das schreiben von Romanen gehen / inszenierte Abläufe und Handlungsstränge / …und genauso bäumt sich meine innere Ungeduld und möchte gerne schon nach dem ersten Kapitel den Roman in den Fingern halten / …womöglich wird es daraus nichts / nicht aus dem Roman und nicht aus der Geduld eines meditativen Anglers / oder vielleicht ist es dennoch möglich…Ein Roman aus der Ungeduld…feiner Edit.

    Antwort

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