Archiv für den Monat September 2015

Kein Applaus, nichts

Ich mag es, mich in 140 Zeichen auszudrücken. Es fordert mich heraus, und es gleicht einem Spiel. Ich muss exakt auf den Punkt bringen, was ich sagen will. Inzwischen muss ich meine Gedanken aber kaum mehr kürzen: Drei Jahre Twitter haben mich geschult.
Manchmal wünschte ich mir, ein Mensch zu sein, der kluge, eindringliche Worte zum Weltgeschehen schreiben kann. Worte, die etwas veränderten. Doch es gibt andere, die das besser können. Ich habe mich darauf verlegt, meine Beobachtungen in Worte zu fassen. Wenn sie beim Leser ein flüchtiges Bild auslösen, ist das schon viel.
Einen Text zu schreiben, wie ich es gerade versuche, heisst, mit seinen Gedanken alleine zu sein. Ein Autor trägt seine Geschichte und seine Figuren vielleicht über Monate, wenn nicht sogar Jahre alleine mit sich herum. Das muss man auch aushalten können. Zudem weiss er bis zuletzt nicht, wie die Leser reagieren werden. Davor gibt es keinen Applaus, nichts.
Ganz anders ist es bei Twitter: Twitter hat uns daran gewöhnt, jederzeit ein Publikum zu haben. Ein Publikum, das sofort auf unsere Gedanken reagiert: zustimmend, ablehnend oder indem es sie weiterverbreitet. Rund um die Uhr. Das ist verlockend. Wo sonst erhalten so viele Leute eine Bühne? Kein Wunder, nützen es viele Extremisten auch gerne für ihre dumpfen Parolen. Und trotzdem bleibt Twitter für mich faszinierend. Leute tauschen sich aus, die sonst nie miteinander in Berührung gekommen wären. Gleichgesinnte finden sich. Menschen lesen einander, ohne sich dafür zu interessieren, was der andere für einen Beruf oder für eine soziale Stellung hat. Twitter ist demokratisch. Twitter ist generationenverbindend. Twitter ist für mich noch lange nicht ausgespielt.

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