Interviews mit aussergewöhnlichen Menschen

Teil 1: Rosa

Wenn du nur mit dem Finger schnipsen müsstest, um deinen Traum zu leben, wer und wo wärst du jetzt?

Ich würde noch immer hier bei einem Kaffee sitzen, aber ohne Druck. Mein Hintergrund wäre ein anderer. Ich müsste, um meine Existenz zu sichern, keiner Lohnarbeit nachgehen, die mir gar nicht entspricht.

Ich werde dieses Interview auf meinem Twitteraccount verlinken, wodurch es theoretisch ziemlich viele Menschen lesen können. Möchtest du den Lesern etwas Bestimmtes mitteilen?

(lacht) Sie sollen mir ein Café kaufen.

Weshalb ein Café?

Weil ich gerne eines hätte. Ich hatte schon einmal ein kleines Café – eines mit
13 Stühlen.

Warum genau 13 Stühle?

Die Stühle stammten aus einer Erbschaft. Meine Grossmutter war Lettin. Mein Vater stiess in jener Zeit beim Lesen auf eine Stelle, in der es um ein Café mit 13 Stühlen ging. So entstand die Idee. Mein Freund und ich führten dann 13 Veranstaltungen durch, und als wir damit genug Geld verdient hatten, brachten wir die 13 Stühle nach Riga zurück. Mit einem alten Bus wurden sie übers Land kutschiert. Mitten auf dem Domplatz stellten wir sie ab. Die Aktion war ziemlich spektakulär!

Eine schöne Geschichte! Und wie soll das neue Café aussehen?

Es soll wieder 13 Stühle haben, es soll Lesungen geben, guten Wein und Rigabalsam, und zwar kistenweise. Das ist ein Likör aus 24 Zutaten, die angeblich gegen jede Krankheit hilfreich sind.

Du möchtest Lesungen veranstalten. Liest du gerne?

Sehr gerne lese ich die »Zeit«. Ich freue mich jede Woche auf den Donnerstag. Dann setze ich mich aufs Sofa, breite die riesigen Seiten darauf aus und verteile sie auch über den ganzen Teppich. Nur die »Chancen« lege ich immer gleich beiseite. Ich betrachte mich zwar nicht als chancenlos, aber das sind nicht meine Chancen.
Daneben lese ich gerne Bücher.

Was liest du gerade?

Ich lese Houellebecq. Ich halte ihn für einen der gescheitesten Menschen der Welt. Er muss unvorstellbar viel Wissen in seinem Kopf haben. Ich blättere beim Lesen ständig zurück, es tut mir um jeden Satz leid. Wenn ich jemanden unbedingt kennenlernen möchte, dann ihn. 

Schreibst du auch selbst?

Ich würde eigentlich gerne schreiben, ich liebe Geschichten. Schon zweimal ist es mir passiert, dass ich einem Mann eine E-Mail schrieb und er mir daraufhin antwortete, es sei die beste E-Mail gewesen, die ihm je jemand geschrieben habe. Nach dem zweiten Mal schrieb ich nie mehr etwas. Ich weiss nicht, warum.

Bist du auf andere Weise kreativ? Machst du Musik?
Leider spiele ich kein Musikinstrument. Mein Vater war Lehrer für klassische Gitarre. Ich sollte sie als Kind ebenfalls lernen. Noch immer sehe ich die Rillen von den Saiten an meinen kleinen Fingern vor mir. Viel lieber hätte ich Klavier gelernt, aber das durfte ich nicht. Danach habe ich nie mehr ein Instrument gespielt.
Aber ich mag Farben und Pinsel und male ab und zu ein Bild. Meine Vorfahren waren über Generationen Maler, Dekorationsmaler.
Was ist dir besonders wertvoll?

Die Zeit ist für mich sehr kostbar. Schon als Kind hatte ich ein starkes Bewusstsein für die Zeit und eine Art Schlüsselerlebnis: Ich ging mit meiner Schulfreundin durch den Wald und blieb auf einmal stehen. Mir wurde in diesem Augenblick bewusst, dass dieser Schritt, den ich soeben gemacht hatte, sich nie mehr wiederholen würde. »Nie mehr«, rief ich meiner Freundin zu, »verstehst du?«  Sie lachte nur und meinte: »Ach, du spinnst doch wieder rum!«

Vielen Dank, Rosa!

 

 

 

 

 

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Das erste Kapitel

Ich bewundere Menschen, die Romane schreiben können, und diejenigen, die erst noch gute schreiben können, verdienen meinen grössten Respekt. Es braucht eben viel mehr als nur einen guten Einfall oder ein schönes Bild – es braucht Ausdauer und eine ganze Menge weitere Fähigkeiten, über die ich nicht verfüge. Geduld gehört ebenfalls dazu, und die fehlte mir schon als Kind. Als ich zusammen mit meinen Geschwistern einmal Anfang Dezember ein Weihnachtstheaterstück einstudierte, konnte ich kaum abwarten, bis wir es unseren Eltern vorführen würden. Ich flehte meine Geschwister an, es doch gleich noch am selben Abend zu zeigen, aber sie zeigten sich stur. Warten zu müssen, fand ich etwas Schreckliches. Lieber zeigte ich meinem Grossvater den frisch gelernten Zaubertrick sofort, auch wenn er noch nicht richtig sass. Und den Kuchen, den ich buk, hätte ich am liebsten schon als Teig gegessen.

Doch eigentlich wollte ich ja über das Schreiben schreiben. Anekdoten und kleine Geschichten lassen sich einfach so wiedergeben, aber Romane müssen akribisch geplant werden – so stelle ich mir das jedenfalls vor. Mir gefällt es zwar, wenn eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller sagt, die Figuren hätten sich während des Schreibens schier selbstständig weiterentwickelt, aber gewisse Zweifel daran bleiben bestehen. Und muss man nicht zuerst Botanik studieren, um die Landschaft authentisch beschreiben zu können? Was ist mit der Psychologie? Ganz zu schweigen von all den logischen Fehlern, die einem unterlaufen können: Stimmen Sonnenstand und Uhrzeit? Ist die Figur der Jahreszeit entsprechend gekleidet? Lässt man sie als Veganer auch nichts Falsches essen? Stand sie nicht bereits, wenn ich sie aufstehen lasse? Ist das Bad nicht plötzlich auf der linken Seite des Schlafzimmers? Mein Gott, wie viele Fallen auf einen warten. Ich weiss schon, weshalb ich mich auf das Schreiben von Tweets verlegt habe. Wobei – wenn ich jetzt statt des letzten Satzes schreiben würde »Voller Zweifel klappte Lara ihr MacBook zu«, hätte ich schon das erste Kapitel fertig.

 

Lesen Sie ruhig weiter

»Guten Tag, ist bei Ihnen noch ein Platz frei?«
»Selbstverständlich.«
»Ziemlich gut besetzt heute, der Zug.«
»Stimmt.«
»Aber ich sehe, dass Sie am Lesen sind, da will ich Sie nicht länger stören.«
»Danke schön.«
»Sehr gerne.«
»…«
»Von diesem Buch hört man ja zurzeit sehr viel.«
»Ach ja?«
»Ja. Gerade kürzlich kam eine Sendung im Radio, da wurde es besprochen.«
»Okay.«
»Ich höre mir sehr gerne Radiosendungen an. Man fühlt sich dann nicht so alleine. Und man kann währenddessen dies und das erledigen. Die Zeit vergeht dabei wie im Flug. – Aber Sie möchten jetzt bestimmt gerne weiterlesen.«
»Danke.«
»Die Geschichte soll ja sehr spannend sein.«
»…«
»Meine Mutter hat auch immer viel gelesen. Und sie mochte es gar nicht, wenn wir Kinder sie dabei störten.«
»Hm.«
»Sie wurde dann richtig wütend.«
»…«
»Ich kann das gut verstehen. Man ist konzentriert und irgendwie in einer anderen Welt – und dann kommt jemand und reisst einen einfach so brutal heraus …«
»…«
»Man verliert doch auch den Faden. Ich kenne das vom Zeitunglesen in der Kneipe. Ständig redet einer rein und gibt seinen Senf dazu. Das ist doch ärgerlich!«
»…«
»Aber solche Typen gibt es eben überall. Denen fehlt es einfach am nötigen Anstand. Und an Respekt!«
»Bitte entschuldigen Sie, aber ich möchte jetzt wirklich gerne weiterlesen!«
»Aber natürlich, das verstehe ich doch. Ich bin schliesslich nicht so einer. Wenn jemand dafür Verständnis hat, dann ja wohl ich!«

Kein Applaus, nichts

Ich mag es, mich in 140 Zeichen auszudrücken. Es fordert mich heraus, und es gleicht einem Spiel. Ich muss exakt auf den Punkt bringen, was ich sagen will. Inzwischen muss ich meine Gedanken aber kaum mehr kürzen: Drei Jahre Twitter haben mich geschult.
Manchmal wünschte ich mir, ein Mensch zu sein, der kluge, eindringliche Worte zum Weltgeschehen schreiben kann. Worte, die etwas veränderten. Doch es gibt andere, die das besser können. Ich habe mich darauf verlegt, meine Beobachtungen in Worte zu fassen. Wenn sie beim Leser ein flüchtiges Bild auslösen, ist das schon viel.
Einen Text zu schreiben, wie ich es gerade versuche, heisst, mit seinen Gedanken alleine zu sein. Ein Autor trägt seine Geschichte und seine Figuren vielleicht über Monate, wenn nicht sogar Jahre alleine mit sich herum. Das muss man auch aushalten können. Zudem weiss er bis zuletzt nicht, wie die Leser reagieren werden. Davor gibt es keinen Applaus, nichts.
Ganz anders ist es bei Twitter: Twitter hat uns daran gewöhnt, jederzeit ein Publikum zu haben. Ein Publikum, das sofort auf unsere Gedanken reagiert: zustimmend, ablehnend oder indem es sie weiterverbreitet. Rund um die Uhr. Das ist verlockend. Wo sonst erhalten so viele Leute eine Bühne? Kein Wunder, nützen es viele Extremisten auch gerne für ihre dumpfen Parolen. Und trotzdem bleibt Twitter für mich faszinierend. Leute tauschen sich aus, die sonst nie miteinander in Berührung gekommen wären. Gleichgesinnte finden sich. Menschen lesen einander, ohne sich dafür zu interessieren, was der andere für einen Beruf oder für eine soziale Stellung hat. Twitter ist demokratisch. Twitter ist generationenverbindend. Twitter ist für mich noch lange nicht ausgespielt.

A la recherche du bonheur

Alain ist schon glücklich, wenn er nicht unglücklich ist. Bernadette glaubt, das wahre Glück sei erst im Jenseits zu finden. Charles betont, Glück sei aufzuwachen, zu atmen, zu leben. Deborah macht es glücklich, wenn ihr ein Bild glückt. Emanuel findet Glück in der Musse. Für Fabienne bedeutet Glück, bei einem Glas Wein ein tiefes Gespräch mit einer Freundin zu führen. Giulio erfährt kein Glück und nimmt Drogen. Hannah traut dem Glück nicht, das fortfliegt, kaum ist es da. Ismael stimmt es glücklich, andere glücklich zu machen. Jeanne sucht ihr Glück in der Liebe. Immer wieder. Kilian sucht es in der grenzenlosen Freiheit und Lea nur noch in sich selbst. Maurice kann es glücklich machen, einen Vogel singen zu hören. Nathalie traf das Glück in Gestalt eines Hundes. Orlando hat erfahren, dass das Glück zu ihm kommt, wenn er es am wenigsten erwartet. Paulas Glück sind die weissen Rosen in ihrem Garten. Quentin sagt, er wäre glücklich, wenn er sich vor nichts mehr fürchtete. Rosanna tanzt rundherum in ihrem Glück. Samuel möchte jeden Glücksmoment mit der Kamera festhalten. Tatjana begegnet dem Glück in den intimsten Augenblicken. Umberto ist äusserst zielstrebig, Glück hin oder her. Valerie glaubt nicht an das Glück. Wladimir sagt sich, jeder ist seines Glückes Schmied. Xenia hat Angst vor zu viel Glück. Yves spürt das Glück auch in der Melancholie auf, und Zoe mag das Wort Glück schon nicht mehr hören.